Die Welt des René Descartes: ICH DENKE – also bin ich

René Descartes (1598-1650 “Cogito, ergo sum-Ich denke, also bin ich“) sieht den menschlichen Körper als eine Maschine, die vom Gehirn aus koordiniert wird. Diese Welt des Körperlichen, die er „res extensa“ nennt, besteht für ihn aus kleinsten Teilchen und hat eine definierte Ausdehnung. Sie kann laut Descartes kein Denken hervorbringen, nur Aktion und Reaktion.

Auch das Gehirn erscheint ihm als mechanisches Gerät. Er beschreibt es wie eine Orgel: So wie die Luft durch das Musikinstrument geführt wird, gelangt der luftige Lebensgeist vom Gehirn über die Nerven in den Körper – ähnlich einem zarten Wind, angetrieben von Herz und Arterien. Nur so seien vielfältige und differenzierte Wahrnehmungen und körperliche Reaktionen gleichsam den unterschiedlichen Tönen des Instrumentes möglich. Im Unterschied zum Brunnen mit seinen Vorratsgefäßen, die sich erst langsam füllen, könne die Orgel deutlich schneller reagieren.

Die Nerven stellt sich Descartes als hohl und mit Ventilen versehen vor. In Armen und Beinen des Körpers verschmelzen sie dann mit den Muskeln. Der gasförmige Lebensgeist lässt so die Muskeln hart werden und pumpt gewissermaßen die Gliedmaßen auf. Weil jede Regung seiner Theorie zufolge also auf eine Bewegung von Gas, nämlich des Lebensgeistes, zurückgeht, nannten Zeitgenossen Descartes und seine Anhänger mit einer gewissen Prise Ironie auch „Balonisten“.

In diesem mechanischen Menschenbild hatte für Descartes aber auch die Seele als eine Art Gegenpart Platz. Sie, die Welt des Gedanklichen, „res cogitans“, habe keine umrissenen Grenzen im Raum und sei immateriell. Aber sie sorge für Gefühle, bewusste Wahrnehmungen, Nachdenken und willentliche Handlungen. Und natürlich galt sie ihm, dem Gottesfürchtigen, als unsterblich. Jedoch glaubte er, nur Menschen würden über sie verfügen. Tiere sah der Philosoph als reine Maschinen an.

Anders als seine Vorgänger glaubte Descartes an eine Interaktion zwischen Leib und Seele und vermutete den Ort dieser Wechselwirkung im Gehirn, in der so genannten Zirbeldrüse. Diese hatten schon Gelehrte vor ihm beschrieben, etwa der griechische Anatom Galen, der die zapfenförmige Zirbeldrüse korrekt im Zwischenhirn verortete. Er hielt sie allerdings für ein Ventil, das den Gedankenstrom der Seitenventrikel koordiniere. Sich auf diese Vorarbeiten stützend vermutete auch Descartes die Zirbeldrüse unter dem Gehirn etwa in der Mitte des Kopfes, ohne sie jedoch je gesehen zu haben. Denn er sezierte nur hin und wieder Tierköpfe, die in seinem Verständnis als seelenlose Wesen keine Zirbeldrüse benötigten. Tatsächlich weiß man inzwischen, dass er falsch lag: Auch Tiere besitzen das Organ. „Mit der Idee von der Zirbeldrüse hat Descartes ein Paradigma geschaffen, nämlich, dass das Seelenorgan ein Teil des Gehirns ist“, urteilt der Wissenschaftshistoriker Michael Hagner von der ETH Zürich.

Heute gilt die Zweiteilung von Leib und Seele in der Hirnforschung als überholt. Auch ein Interaktionszentrum im Gehirn konnte nie entdeckt werden. Die balonistische Theorie ist seit langem durch das Verständnis von der Nervenreizleitung über elektrische Erregung abgelöst.

Aus: Das Gehirn.info: Der Kosmos im Kopf

Autorin: Susanne Donner, wissenschaftliche Betreuung Prof.Dr. Wolfgang.U. Eckart